Alles auf Neu! Über menschliche Unternehmensführung in der Krise.

Wer jetzt so tut, als sei alles in Ordnung, der hat die Lage nicht verstanden. In Deutschland ist gar nichts in Ordnung – and it shows. Leer gekaufte Toilettenpapier-Regale sind nur die Spitze des Eisbergs.

Dass sich Deutschland in den letzten 30 Jahre kaum bewegt hat, zeigt sich auch an anderer Stelle: Die deutsche Wirtschaft sucht jetzt händeringend nach Lösungen, die das allseits verhasste Homeoffice doch noch möglich machen.

Wer zu Hause ist, arbeitet nichts! Das stimmt, wenn du als Unternehmen nicht dafür gesorgt hast, dass deine Mitarbeiter*innen überhaupt von zu Hause arbeiten können – so rein technisch gesehen…

Was man jetzt als Unternehmen tun kann, um diese Krise zu überstehen.

1. Meine Fachkräfte, deine Fachkräfte

“Funfact”: Vor ein paar Wochen habe ich ein Interview gegeben zu dem Thema “Krisen und Change meistern in HR” – damals kam das Thema immer wieder auf eine mögliche Rezession und welchen Auftrag HR dabei habe, die Belegschaft aufzuklären. Meine Meinung damals wie heute: HR hat keinen Auftrag, über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge aufzuklären, aber sehr wohl einen, die Belegschaft in stürmischen Zeiten über die Situation des eigenen Unternehmens zu informieren. Und rechtzeitig Schritte einzuleiten, die es möglich machen, dass Menschen weiterhin einer Beschäftigung nachgehen können, wenn man sehenden Auges ins Unheil schippert.
Umschulungen organisieren, Jobprofile umbauen – und auch Mitarbeiter*innen auszuleihen, all das war das Thema in dem Podcast, als der Corona-Virus nicht mal am Horizont zu sehen war. Jetzt sind wir genau mittendrin in einem Change, der gewaltiger ist, als alles, was vorher so lief.

Deutsche Textilhersteller (wo es sie überhaupt noch gibt), produzieren Atemmasken – Abläufe und Prozesse wurden in wenigen Tagen neu gedacht. Eine Fastfood-Kette leiht die unbeschäftigten Mitarbeiter an Einzelhändler aus. Plötzlich geht alles, nichts ist undenkbar und alles scheint eben doch machbar. Die Krise macht es möglich. Vordenker an dieser Ecke der Arbeit der Zukunft wurden bisher gerne noch in die Kategorie “verträumte Spinner” geschoben, insbesondere im gutsituierten Mittelstand. Aber plötzlich ist Solidarität unter der kapitalistischen Hülle eben doch möglich und gefragt wie nie.

Das ist jetzt das Kunststück, bei dem HR tatkräftig unterstützen muss: Kurzarbeit zu beantragen heißt ja noch nicht, dass man sie auch wirklich umsetzen muss. Es lohnt sich jetzt, auch um die Ecke zu denken, ggfs. auch mit vermeintlichen Konkurrenten “gemeinsame Sache” zu machen.
Auch hier gilt wie immer der dringende Rat: Vernetzt Euch mit Kolleg*innen! Genau jetzt ist jeder darüber dankbar, dass er oder sie nicht alleine in der Krise stehen muss! Hier mal einen Shoutout an Yvonne: Dank ihrer Hilfe weiß gerade jeder in ihrem Netzwerk, wie man Kurzarbeit beantragt. Das hat mir zumindest meine HR Managerin Steph erzählt. Sei einfach, wie Yvonne und lass andere an deinen Insights und Schriftstücken in einem vertraulichen Netzwerk teilhaben!

2. Die nächsten Wochen entscheiden darüber, was Leute über dein Unternehmen denken.

Unser aller Lieblingsportal Kununu ruft gerade Mitarbeiter*innen dazu auf zu bewerten, wie Unternehmen mit der COVID-19-Krise umgehen. Wenn du diesen Blog liest, gehe ich eh davon aus, dass du Spaß an deiner HR-Arbeit hast und Lust darauf, neue Impulse zu bekommen und auch mal kritischer zu sein. (Danke, dass du diesen Blog liest! 🙂

Die bittere Wahrheit lautet jetzt leider: All die Bemühungen, die HR bisher in eine Unternehmenskultur oder ein gutes Miteinander gesteckt haben, könnten genau jetzt ein jähes Ende finden. Wie immer wird dann der Buhmann erstmal bei HR liegen, wenn Führungskräfte jetzt durchdrehen. In Zeiten absoluter Unsicherheit sind sehr viele erstmal überfordert. Das ist menschlich und nicht verwunderlich. Wichtig ist jetzt aber, dass alle ruhig bleiben und niemand seine Allmachtsfantasien auslebt. Eine übersteigerte Kommunikationskultur kann jetzt sehr helfen. Achtung, damit meine ich nicht: Micromanagement und Kontrolle. Ich meine damit, regelmäßigen Austausch und sinnvolle aber auch aufmunternde Updates weiterhin zu gewährleisten.

Ihr könnt technisch gesehen als Unternehmen von zu Hause aus arbeiten? Super, dann sollte das genau jetzt ermöglicht werden. Homeoffice ist kein Urlaub – selbst wenn sich (Überraschung!) wie im normalen Arbeitsablauf auch manche/r mal zurücklehnt und ne ruhige Kugel schiebt. Nicht alle Mitarbeiter*innen sind gleich stark motiviert und wollen immer über sich hinaus wachsen. Das hat nix mit Homeoffice zu tun.

Die meisten der Mitarbeiter*innen werden im Homeoffice aber den gleichen Einsatz zeigen und motiviert arbeiten – sofern das Unternehmen neben der technischen Basis auch eine menschliche Basis geschaffen hat. Ansonsten wird nämlich alles im Mayhem versinken. Niemand kann auch nur irgendetwas zu Hause abarbeiten, wenn alle 10 Minuten Kontroll-Webkos und hitzige Anrufe passieren. Man kann einen eingermaßen normalen Arbeitsalltag gestalten, indem man sich feste Video-Meetingzeiten setzt und ansonsten unkompliziert über Messenger-Tools wie Slack oder Teams miteinander in Verbindung steht. Und – wieder mal überraschend – Projekte kann man auch virtuell managen.

Wer sich jetzt von Arbeitgeberseite nicht verständnisvoll zeigt, wird nach der allgemeinen Krise, die nächste (persönliche) Krise erleben: Wenn alle Mitarbeiter kündigen, kann man dann nur noch alleine Firma spielen.

3. Wir sind alle Menschen

Es kann ja auch aufregend und erhellend sein, was man jetzt alles übereinander erfährt: Der Kollege hat ein Kind aus erster Ehe, 8 von 10 im Team haben eine Katze, aber noch nie darüber gesprochen, die Kollegin aus dem Nachbarteam pflegt ihre Mutter zeitweise…plötzlich lernt man sich ganz anders kennen. Im Grunde könnte man diese Zeit jetzt auch als Geschenk sehen – wenn es nicht so verdammt anstrengend wäre. Die Kinder zu Hause, die Partnerschaft in der Krise, die Psyche macht unter dem Druck nicht mehr mit…gerade jetzt kann sich niemand mehr hinter seiner täglichen Routine verstecken. Daher ist es umso wichtiger, sich und andere mit seinen Unzulänglichkeiten zu akzeptieren und daraus kein großes Ding zu machen.

Das Kind “stört” zum 30. Mal die Webkonferenz – na und?! Wenn ich nicht stören durfte als Kind, habe ich genau was gemacht? Richtig!

Es kommt jetzt auf gegenseitiges Verständnis an und auch darauf, zu akzeptieren, dass kein „Business as usual“ möglich ist. Eltern werden jetzt nicht 8 Stunden arbeiten können wie sie es (und der Arbeitgeber) sonst gewohnt sind. Zitat einer Freundin: “Ich sollte gerade 6 Stunden täglich arbeiten. Ich schaffe 2 Stunden maximal. Wenn der eine auf den Arm will, will der andere auch. Da kann man keine Mail mehr schreiben. Rumschreien bringt nix. Mit meinem Partner bin ich auch schon verkracht. Ich muss es jetzt einfach akzeptieren, irgendwie versuchen, die beruflichen Sachen nicht anbrennen zu lassen und schauen, dass sich niemand schneidet, anzündet, erstickt oder mit dem Küchenschrank erschlägt.
Was soll ich dazu noch sagen…die Frau hat ihr Leben sonst im Griff und ist verbindlich.

Aber jetzt ist eben nichts mehr, wie es war. Da kann man jetzt als HR, Führungskraft, Geschäftsführung, Mitarbeiter*in toben, wie man will. Es wird nichts bringen außer noch mehr Tränen und Anspannung in den Familien.

Wir müssen uns alle mit der jetzigen Situation abfinden. Daher ist es wichtig, dass man eines tut: Miteinander lachen, Danke sagen und sich gegenseitig unterstützen und Nachsicht zeigen, wo es geht. Wer jetzt das System ausnutzt oder die Geduld von Kolleg*innen mit voller Absicht strapaziert, dem ist auch ohne Krise nicht mehr zu helfen.

Bleibt gesund und munter. Wie geht es Euch gerade? Habt ihr Euch eingerichtet und abgefunden oder ist noch jeder Tag eine absolute Wundertüte? Habt ihr Tipps, die ihr teilen wollt? Bitte schreibt doch einen Kommentar! Oder ihr beteiligt Euch gleich an Stefans Blogparade zum Thema HR vs. Corona. Danke! ❤

5 Gedanken zu “Alles auf Neu! Über menschliche Unternehmensführung in der Krise.

  1. Friederike Baer schreibt:

    Hallo Eva, auf den Punkt gebracht! Corona nun als Chance nutzen und digitalisieren, flexibel sein und seinen Mitarbeitern vertrauen! Und sich als Eltern, Mutter, Vater und Kids zu Hause inklusive Job so ordnen, dass die Familie nicht zu kurz kommt und der Job läuft. Es sind sooo viele weltweit in den gleichen Situationen, das sollte zu Menschlichkeit und Verständnis führen! Und das wird es, da bin ich zuversichtlich!!!

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    • hrisnotacrime schreibt:

      Danke für dein Feedback, Friederike! Ich hoffe auch, dass es etwas bringt am Ende und nicht in die „weißt Du noch, was damals alles ging“-Annalen eingeht! Bleib gesund und komme gut durch diese Zeit! 🙂

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  2. Yvonne Kalthöfer schreibt:

    Hallo Eva,
    erstmal vielen, vielen Dank für das liebe Shoutout und den tollen Artikel! You made my day! Das Netzwerk ist einfach gerade so super hilfreich, da wir uns alle gerade mit Themen beschäftigen, die (zumindest für mich) neu und herausfordernd sind. Aber nicht nur das HR-Netzwerk blüht gerade, auch in der Gastro- und Craftbeer-Branche tun sich viele zusammen, tauschen sich aus, die Großen helfen den Kleinen, die vielleicht keine eigene HR- oder Finance-Abteilung haben. Und auch von unseren Mitarbeiter kommt gerade so viel Support und Unterstützung. Das tut wirklich gut in dieser schwierigen Zeit!

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    • hrisnotacrime schreibt:

      Hey Yvonne! Das ist cool und gut zu hören. Ich hab auch schon ein paar Gutscheine bei den Gastrounternehmen meines Vertrauens erworben. Und weil ja gerade Fastenzeit is: Das BRLO-Bier ist echt das beste alkoholfreie, was ich bisher getrunken hab! 😄Bleib gesund und munter!

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