Sind wir nicht alle ein bisschen rassistisch…

Je nachdem, wo du in Deutschland aufgewachsen bist und wo du herkommst, gab es auch für dich sicherlich deine ersten rassistischen Vorurteile über den angrenzenden Ländernachbarn eingeimpft – ganz easy, bereits im Kindesalter.

Bei mir waren es “der dreckige Franzos”,“hier sieht es jo aus wie in der Buddig” a.k.a. “wie bei Hempels unterm Sofa” (damit meinte die Oma meines besten Freundes “Boutique” – was mir auch erst Jahre später klar wurde) oder “pass auf, die gefährlichen Zigeuner, die wollen einbrechen und die klauen auch Kinder”.

Mit diesen Narrativen ist man halt so aufgewachsen. Nicht von meinen Eltern, eher so von drumherum. Was man als Kind halt so mitbekommt und aufschnappt von Verwandten, Bekannten, anderen Kindern, Erzieher*innen…

Die einzigen akzeptablen Ausländer waren “Bruno” und “Dino” – weil die nämlich “echte” italienische Pizza oder Eis gemacht haben. Sachen, die die Leute verstehen und mögen. Aber Froschschenkel (a.k.a. „die“ Franzosen) und in Großfamilien wohnen (a.k.a.“die“ Sinti und Roma) – das war nun wirklich nichts für uns in der Westpfalz.

Wie man den ersten Platz gewinnt

Vor ein oder zwei Jahren habe ich ein Bild aus der Grundschule gefunden, mit dem ich – wenn ich mich recht entsinne – sogar einen Preis gewonnen habe. Es waren viele Kinder um einen Tisch versammelt. Es ging darum, Vielfalt und eine schöne, gemeinsame Welt zu zeigen. Ich hab das Bild glaub ich mal irgendwo gepostet und ein Freund schrieb mir: “Tja…das könnteste heute auch nicht mehr so malen, ohne dass es eine Elternbeiratssitzung gibt”. Und was soll ich sagen: Recht hat er.

“Der Chinese” hatte einen spitzen Hut und eine gelbe Haut – halt so, wie ich es in Kinderbüchern gesehen hatte. In meiner Erinnerung gab es weder eine vietnamesische oder thailändische noch eine chinesische Community in unserer Kleinstadt. Okay, es gab einen “Chinesen” a.k.a. ein Restaurant – aber da war ich wahrscheinlich das erste Mal mit 14 Jahren essen und natürlich hatte dort niemand einen Strohhut auf oder überdimensionale Schneidezähne (was ist das überhaupt für eine komische Darstellung?!) – und die Bedienungen sprachen auch alle Dialekt. Aber was wusste ich davon mit 6 oder 7? Ich hatte nur die Darstellungen und Narrative aus Büchern und dem Fernsehen.

Auf dem Bild  aus der Grundschule war auch ein schwarzer Junge. Der stand aber nicht für Afrika – ich glaube Afrika gab es auf meinem “Erdenbürger-Bild” gar nicht…der stand für Amerika. Ich habe selbst Familie in den USA – alle sind weiß. Aber das war offensichtlich für mich gar kein Grund, auf das Bild NICHT meinen Freund Perry zu malen, den ich aus dem Kindergarten kannte. Er wohnte für kurze Zeit mit seiner (ich glaube alleinerziehenden Mutter) und seinem Bruder in einem Mini-Häuschen in meinem Stadtteil. Ich hab das Haus nicht oft betreten, aber wenn, dann war das ein Ausflug in eine andere Welt. Dort liefen Comics im Fernsehen, die ich noch nie gesehen hatte und es gab die verrücktesten Süßigkeiten.

Da war ich also noch klein und habe doch schon “Hautfarbe” gesehen. Perry war schwarz. Seine Mutter war sehr zurückhaltend, daran erinnere ich mich noch vage. Und trotz dass um uns herum (übrigens auch lange Zeit in meiner Heimatstadt) Amerikaner stationiert waren, viele von ihnen eben auch mit dunkler Hautfarbe, nahm man sie eher als Aliens wahr.
Sie verirrten sich ohnehin nur selten in die Stadt, weil auf ihren Airbases natürlich alles vorhanden war.

Ich erinnere mich noch, dass ich mit meiner Tante, die damals auf einem Stützpunkt arbeitete, zu einem amerikanischen Sommerfest ging. Damals gab es schon die ganzen College-Filme und es war verrückt für mich, dass es dort aussah wie in den Filmen: Basketballplätze wie ich sie noch nie gesehen hatte, ich bekam Maiskolben von einem Barbecue-Grill…ich wurde “Miss” genannt – es war für mich offensichtlich so beeindruckend, dass ich mich heute noch daran erinnern kann, obwohl ich zu dem Zeitpunkt vielleicht 8 oder 9 war.

Ausflüge in eine andere Welt

Trotzdem waren das alles nur Ausflüge in eine andere Welt. Ich habe mich nie gefragt, warum Perry nur so kurz in dem Häuschen wohnte und wie es ihm wohl damit ging, der einzige schwarze Junge im Kindergarten zu sein. Ich habe mich auch nie gefragt, weshalb die Amerikaner ihre Airbase nicht so gerne verlassen haben (klar, auch dafür gibt es tausend Gründe, aber wenn man bedenkt, dass meine Gegend in den 90ern die absolute Nazihochburg war, dann war das bestimmt auch einer), oder wo eigentlich meine Berührungspunkte mit anderen Ländern und Kulturen waren und sind.

Wäre ich in meiner Kleinstadt geblieben, dann wäre mir auch ganz sicher niemals Bewusst geworden, welche großen Communities mit unterschiedlichen Herkunftsländern es in Deutschland gibt. Besonders in Berlin. Aber mich denen auszusetzen, ist mir dann auch ein bisschen viel, ne. Ich wohne seit 10 Jahren in Prenzlauer Berg, ein schöner weißer und wohlhabender Bezirk. Wo Helikoptereltern fliegen und die Flatwhite-Flüsse fließen.

Eine Fahrt in der U8 ist für mich jedes Mal Überwindungsarbeit. Ich würde natürlich von mir behaupten, dass ich absolut “woke” und mir meiner Privilegien bewusst bin, aber das ist natürlich auch völliger Bulls**** . Ich bin weiß und hab noch nie von Mindestlohn gelebt und natürlich noch gar keine rassistische Erfahrung gemacht. Ich bleibe eh am liebsten in meiner Komfortzone – von dort aus lässt es sich ja auch am Besten argumentieren, oder?

Es nervt mich, dass ich immer so weltoffen tue, aber dabei natürlich ständig meinem eigenen internalisierten Rassismus ausgesetzt bin. Gegen den ich dann natürlich ankämpfe, aber er ist einfach da – leugnen kann ich das nicht.
Gerade als HRlerin nervt es mich, dass die Personalabteilungen in Deutschland einfach zu 90% weiß sind. Eine Ausnahme bildet sicherlich die internationale StartUp-Community in Berlin, aber diese ist ja nicht repräsentativ für Deutschland. Weiße – und sehr oft deutsche Menschen ohne Migrationshintergrund – entscheiden also darüber, wer eingestellt wird und wer nicht.

HR in Deutschland ist Teil des Problems

Bei meinem Arbeitgeber Jobufo werde ich sehr oft mit der Realität in deutschen Recruiting-Stuben konfrontiert. Dass deutsche Unternehmen Bewerber*innen mit ausländisch klingendem Namen gar nicht erst weiter betrachten, oder dass bei einer anderen Hautfarbe das Video schneller weggeskippt wird – das alles kommt immer noch vor. Nicht flächendeckend aber eben doch punktuell. Was sonst im Verborgenen passiert, können wir ablesen in den Statistiken und dann auch kritisch nachfragen. Ich stelle mir also sehr oft die Frage: Wie oft am Tag passiert das eigentlich, ohne dass es jemand mitbekommt? Die Reaktionen aus HR sind dabei immer sehr eindeutig: “Das geht ja gar nicht, da müssen wir nochmal nachschulen! Vielen Dank für den Hinweis!”

Das Problem an der Sache: Wenn wir den Hinweis nicht gegeben hätten, dann würde es gar nicht auffallen. Wenn nicht jetzt, wann dann ist der richtige Zeitpunkt, um im Unternehmen und in der eigenen HR-Abteilung darüber zu reden, welche Konsequenzen man aus Rassismus und Ausgrenzung ziehen möchte, wenn interne Fälle auftauchen? Wie man auch extern deutlich machen kann, dass man für bestimmte Werte steht – und das eben nicht als Lippenbekenntnis daherkommt, sondern sich auch in internen Maßnahmen ausdrückt.

Grenzen aufzeigen, Grenzen setzen – gegen Rassismus im eigenen Unternehmen

Der “kleine Witz”, die “flapsige Bemerkung”, das “Jugendsünde-Tattoo”, das Afd-Mitglied…wo setzt man die Grenzen im Unternehmen, wie geht man damit konsequent um? Meinungsfreiheit vs. Schutz aller Mitarbeiter*innen. Das sind die Themen, die es jetzt anzugehen gilt. Dabei ist es wichtig, nicht ÜBER die Betroffenen zu entscheiden, sondern MIT ihnen.

In dem Projekt “Love HR hate Racism”, in das ich mit weiteren Kolleg*innen eingebunden bin, stehen wir an dem unangenehmen Punkt uns damit auseinanderzusetzen, dass wir alle weiß und privilegiert sind. Trotzdem finde ich die Initiative an sich nicht falsch – zumal wir daraus auch am liebsten gar nichts ziehen würden, außer, dass es eine Initiative gibt, in der sich alle, die ähnlich darüber denken, zusammenschließen können. Aber wie immer bei sowas, muss halt jemand den Grundstein setzen. Das ist für uns zunächst eine Plattform, die als Ziel die Vernetzung haben soll. Also: Behaltet es mal im Auge, wir hoffen, dass wir bald die Seite gestaltet haben. Bis dahin könnt ihr euch gerne in der gleichnamigen Xing-Gruppe mit Gleichgesinnten vernetzen. Dann würden wir uns sehr freuen, wenn auch mehr Menschen mit anderen Hintergründen dazukommen würden und die Regie übernehmen – dafür werden wir uns stark machen.

Ihr wollt euch mehr in das Thema Rassismus hineindenken und eure eigenen Mechanismen entlarven? Dann empfehle ich euch folgende Medien:

Bitte schreibt doch in die Kommentare weitere Empfehlungen. Gerne auch Bücher zu dem Thema!

TED-Talk von Bryan Stevenson:

EXIT Racism
Das Hörbuch auf allen Platfformen erhältlich:

Pingpong mit Pauli. Zu Gast: Dennis Schnittler zum Thema Negrophobie

Hier auch nochmal ein Vortrag zu Dennis Schnittlers Forschung  Kritische Betrachtung zum Kapitalismus inklusive – hier kannst du also mal so richtig aus deiner Komfortzone.

Alice Hasters im Zeit-Podcast. Über 6 Stunden geht es zum Thema: Was sollten weiße Menschen über Rassismus wissen?


Der “Kebekus-Brennpunkt”  zum Thema „Rassismus“

2 Gedanken zu “Sind wir nicht alle ein bisschen rassistisch…

  1. Gisela schreibt:

    Hallo und danke für Deinen Beitrag,

    jeder Mensch hat wohl gewisse Vorurteile und sei es nur gelbe Gummibärchen lieber zu mögen, als rote. Wenn hier in Duisburg viele orientalisch aussehende Jugendliche auf der Straße vorbeilaufen, denke ich auch, dass sich hier vieles geändert hat.

    Früher, zu meiner Schulzeit, kamen die ersten Italiener, mit denen ich nicht spielen durfte, weil sie ja ‚Spaghetti-Fresser‘ waren und Ausländer. Später kamen die Türken hinzu. Man wollte mit den Fremden nichts zu tun haben. Zumal meine Familie Hitler geschult war. Mein Opa, den ich nicht mehr kannte, war Leutnant bei der SS und ist in Frankreich gefallen.

    Und dann bekam ich 1981 ein dunkelhäutiges Kind. Zum Entsetzen meiner Eltern. In dieser Beziehung habe ich viel durchgemacht und mein Sohn auch. Ich wurde jahrelang gemieden…mein Sohn sowieso. Er hat darunter sehr gelitten, zumal auch seine Familie in Curacao nichts von ihm wissen wollte…und sein Vater schon gar nicht. Unser Kind war ihm zu weiß…die Kehrseite der Medaille. Er ist letztes Jahr mit 37 verstorben…an dieser Welt zerbrochen.

    Ich habe versucht, ihm zu helfen. Leider kann ich die Menschheit nicht ändern. Wir müssen lernen, über das Äußere hinwegzusehen und nach innen zu schauen. Wir sind alle Menschen, die hier auf dieser Welt glücklich sein wollen.

    Herzliche Grüße von Gisela

    Liken

    • hrisnotacrime schreibt:

      Hallo Gisela,

      vielen herzlichen Dank, dass du deine persönliche Geschichte geteilt hast, die mich sehr berührt hat.
      Es tut mir leid, dass sie auch traurig ist, aber ich freue mich, dass du daran nicht zerbrochen bist und das Gute/ einen Weg für dich suchst. Für deinen Sohn warst du sicherlich eine wichtige Stütze!
      Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft! Und Danke für deine aufmunternden Schlussworte! 🙂

      Liebe Grüße,
      Eva

      Gefällt 1 Person

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