Warum HR viele Meinungen braucht

Zum Ende des letzten Jahres war die Streitkultur in der HR-Blase gefühlt besonders ausgeprägt. Nicht wenige riefen daher zur Räson und zu mehr Kollaboration und gegenseitigem Schulterklopfen auf. Ich las von “zu viel Meinung” – und stutzte. Zu viel Meinung? Gibt es das überhaupt? Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht und bin zum Entschluss gekommen: Ich halte Meinung und Position beziehen nach wie vor für die wichtigste Errungenschaft unser Kultur und Demokratie. Führt eine eigene Meinung zu beziehen heutzutage unausweichlich zu einem Streit?
Warum mich manche Dinge besonders aufregen, weshalb ich nicht öfter meine Klappe halte oder gehalten habe und warum ich mir den ganzen Stress mit der eigenen Meinung überhaupt antue? Lest selbst!

Wenn ich keine Meinung mehr habe, kann ich nicht mehr an mir wachsen.

“Was sagst du zu xy? Was willst du essen?” Wann fährst du los? Wann sollen wir den Termin legen?“
Den ganzen Tag muss man eine Meinung haben, Entscheidungen treffen, sich positionieren. Im Privatleben, im Beruf…das kostet Kraft. Jede Entscheidung, jedes Dafür oder Dagegen kostet viele Kalorien, die der Körper bei der Denkarbeit verbraucht. (An dieser Stelle mal ein High5 an alle Eltern, die den ganzen Tag vom Größten bis ins Kleinste diskutieren und  auch nicht selten sich selbst erklären müssen.)

Aber wisst ihr, was noch mehr Kraft kostet? Dinge auszudiskutieren! Warum man sich für A und nicht für B entscheidet, obwohl die andere Person B für so viel richtiger hält.
Diskutieren kostet also Zeit, Energie, manchmal auch Nerven. Noch schlimmer wird es, wenn man während der Diskussion plötzlich einen leisen Zweifel bekommt, ob der oder die Andere mit der Meinung B eventuell nicht doch Recht haben könnte…aber jetzt hat man sich selbst ja schon zu A positioniert. Der Kopf raucht.

Eine Meinung durchzudrücken zeugt nicht von persönlicher Größe.

Wer am lautesten brüllt, wer am gemeinsten agiert, wer genau die wunden Punkte kennt, der gewinnt. Nur was gewinnt er oder sie genau? Ich glaube: Vielleicht kann man mit der Meinungs-Durchdrück-Strategie kurzzeitig sogar echt gut fahren, weil man seine Interessen sehr einfach und effektiv durchziehen kann. Selbst Präsidentschaften lassen sich ja mit der Masche gewinnen. Und ganz ehrlich: Jede/r hat doch eine gewisse Art der Schadenfreude in sich. “Siehste, ist er/sie doch nicht so geil, wie er/sie dachte! Ha! Wusste ich’s doch!”  Aber diese Art des Hochgefühls ist nur von kurzer Dauer.

Mit einer solchen Vorgehensweise kann man eigentlich nur eines schaffen: Sich alle kritischen Stimmen vom Leib zu halten. Einem treu bleiben dann meist nur die Personen, die sich irgendetwas erhoffen. Einen Gefallen, ein wenig Macht oder Strahlkraft.
Im HR hat ein solches Verhalten meiner Meinung nach absolut nichts verloren. Wer andere nur auf seine Fehler hinweist, ohne Lösungsvorschlägen zu machen oder (noch schlimmer) andere für ein Verhalten oder eine Meinung bloß stellt, möchte nicht wirklich etwas verändern. Ihm oder ihr  geht es nur darum, den eigenen Status und die eigene Macht zu erhalten – und das ist nicht im Sinne des Allgemeinwohls. Aber genau deshalb ist die Institution HR so wichtig im Firmenkontext: Um Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen Unternehmens- und Mitarbeiter*innenwohl zu treffen. Im Personalerjob geht es vor allem darum, sich selbst zurück zu nehmen und eine Metaebene einzunehmen. Das kann niemand, der oder die nur auf sich selbst referenziert.

Müssen wir uns deshalb alle lieb haben?

“Wir sind hier alle Freunde” – ich glaube, es gibt für mich persönlich keinen schlimmeren K.O.-Satz. Egal ob im Arbeits- oder Freizeitkontext. In willkürlich zusammengewürfelten Gruppen ist es doch nahezu unmöglich, dass alle “best friends” sind. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sich in diesen Kontexten tiefere Freundschaften bilden können, oder auch nur oberflächliche oder eben gar keine. Manchmal eint einen auch nur das gemeinsame Ziel oder die gemeinsame Passion. Und das ist ja dann auch okay.

In Unternehmen, die sich nur aus Freunden und Freundes-Freunden speisen, gibt es meist dann Probleme, wenn ein Freund oder eine Freundin seiner/ihrer Arbeit nicht so nachkommt, wie er oder sie sollte. Was sagt man dann? Wie sagt man es? Wer sagt etwas? Schwierige Kiste – meist wird an solchen Punkten dann eine HR-Institution von außen aufgebaut, die das dann regeln soll. Was dann dabei rauskommt überlasse ich mal eurer Fantasie. Ob da die ehrliche Meinung wirklich gefragt ist…?

Unangenehmes ansprechen, ohne gemein zu sein: HR at it’s best.

Zu wirklich guten Freundschaften gehört meiner Meinung auch, dass man sich auch traut eine Meinung abzugeben, die unangenehm für den anderen sein kann. Besonders dann, wenn man danach gefragt wurde.

Als HRler oder HRlerin braucht man meinem Erleben nach eine besonders hohe Meinungsdichte – auch gegenüber Menschen, mit denen man sich eigentlich nicht so sehr verbunden fühlt. Es ist eine Krux: Man muss unangenehme Dinge konsequent ansprechen können und trotzdem müssen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Gefühl haben, sich an HR wenden zu dürfen um dort Unterstützung zu bekommen. Man ist als als HRler oder HRlerin in einem ständigen Spannungsfeld aus Meinung sagen, Meinungen diskutieren, Meinungen zusammenbringen, Meinung durchzusetzen und Meinungen auszuhalten. Und immer braucht man erstmal eines: Ein Meinungsbild, das man sich selbst gemacht hat. Anhand von Regeln, Gesetzen und eigenen (moralischen) Empfindungen/Eindrücken.

Dinge auch einfach mal wegtreiben lassen: HR at it’s very best.

Diese ganze Meinungssache kann einen ganz schön müde werden lassen. Schnell kann man als geneigter Beobachter sicherlich an den Punkt kommen, an dem man denkt: „Das ist mir alles zu viel Meinung!“
Bei vielen Online-Akteuren scheint das Feuer der Meinungs-Erregung gar nicht auszugehen. Es glüht und glimmt und sucht das nächste Ölkännchen, das einem bei LinkedIn, Xing oder Twitter vorgeschoben wird.
Und was soll ich sagen: Zu oft erliege auch ich der Versuchung. Aber immer öfter schreibe ich meine Meinung einfach nur kurz in den Kommentar, klicke nicht auf “absenden”, sondern lösche ihn wieder. Ich habe mich zuletzt gefragt: Woher kommt der Impuls, auf dieses oder jenes absolut Schwachsinnige zu antworten. Muss ich an jeder Diskussion beteiligt sein, die aus den (für mich gefühlt) falschen Gründen betrieben wird? Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Das bedeutet aber nicht, dass mein Feuer nicht mehr da ist. Ich hab einfach nur selbst ein paar Streichhölzer gekauft um selbst zu bestimmen, wann ich es wieder entfache – um mal weiter so schön metaphorisch zu bleiben.

Ich denke, HR muss genau das unbedingt für sich entdecken und ausbauen: Sich nicht vor jeden Karren spannen zu lassen, Ursache und Wirkung nüchtern durchzuspielen, ehrliches Feedback zu geben und auch einfach mal “Nö!” zu sagen. Das hilft auch dabei, seine Energien besser einzuteilen und auf die Umsetzung von Themen zu lenken. Dabei sollte man aber nicht mit der eigenen Meinung hinterm Berg halten und die Themen konstruktiv diskutieren.

Was meint ihr dazu? Geht euch die “Meinungsmache” im HR auf die Nerven? Seht ihr das ganze positiv oder negativ? Würdet ihr euch wünschen, dass HR mal öfter die Klappe hält oder sie aufmacht? Ich freue mich auf eure Kommentare!

 

2 Gedanken zu “Warum HR viele Meinungen braucht

  1. Björn Radosztics schreibt:

    Völlig egal ob wir über HR, jedes andere Geschäftsfeld oder über das Privatleben reden. Jedes persönliche Miteinander ist dann am fruchtbarsten, wenn jeder Teilnehmer in der Lage ist eine eigene Meinung zu bilden, sie zu begründen und sie selbst zu hinterfragen. Letztendlich geht es um Soziale Kompetenz. Immer und überall und immer mehr.

    Außer im Internet. Da kann man sich benehmen wie ne Axt im Wald. Sieht ja niemand.

    Gefällt 1 Person

  2. hrisnotacrime schreibt:

    Leider hast du da auch Recht. Bin dazu übergegangen, solche Accounts direkt zu blocken, wenn sie irgendwo auftauchen. Das ist keine Ignoranz, sondern Selbstschutz. Solche Menschen wollen auch gar nicht diskutieren oder reflektieren. Es geht alleinig darum, seine eigene reine Boshaftigkeit auszuleben.

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