Der Zeitgeist hat sich geändert. So ist das nunmal. Moden kommen und gehen. Als alter Hase kommt man nicht mehr so hinterher und wird kauzig. Vor allem hat man immer mal wieder was zu meckern. Ich hab länger gehadert, ob das hier nicht irgendwie verzweifelt rüberkommen könnte. So als Abrechnung mit dem gekränkten Ego. Das verkannte Genie bäumt sich ein letztes Mal auf… etc. Aber ich bin ja nicht Kafka. Also NOCH nicht…
Nachdem wir jetzt wissen, wie sehr mein Ego leidet, können wir ja zurück zum Topic: ICH.🙃
Als ich vor gut 15 Jahren in den HR-Bereich eingestiegen bin, war die oberste Devise: HR muss verschwiegen sein. Ein eher stiller Player im Unternehmen, der seine Arbeit im Hintergrund erledigt. Allzeit bereit aber allzeit irgendwie sonderbar und separiert.
Diese Haltung war nie mein Ding. Schon damals hatte ich die Meinung: Wissen gehört geteilt, Freundlichkeit is king. Neudeutsch würde man sagen: Ich war grundsätzlich niemand, die „gatekeept“. Ich habe früh angefangen, meine Konzepte, Papiere und Vereinbarungen offen in Netzwerken unter Kolleg*innen zu teilen. Wenn mich jemand etwas aus meinen Berufsbereichen fragt und ich eine Antwort weiß, dann teile ich das. Punkt.
Das war tatsächlich der Startpunkt meiner Karriere. Ich habe nie versucht, mich über meine Expertise unerreichbar zu machen oder meinen Wissensvorsprung zu monopolisieren. Ganz im Gegenteil: Ich glaube fest daran, dass ehrliche und uneigennützige Wissensweitergabe belohnt wird. Echte Verbindungen, die nachhaltig von Bedeutung sind, entstehen nicht aus taktischen Moves oder einem „eine Hand wäscht die andere“-Ansatz. Sondern dadurch, dass man seinen Job mit Herz und Verstand macht und beides auch im Umgang mit anderen anwendet. Und dabei authentisch bleibt.
Mir war es selbst ein absolutes Rätsel (aber natürlich aus meinem Ego heraus nicht ganz unverdientes Schicksal 😝), wie ich plötzlich den Sprung von meinem Blog in seriöse Fachzeitschriften geschafft hatte und mich mal eine Zeit lang als kleiner Superstar fühlen durfte. Spoiler: So langfristig war es dann halt nicht mit dem Sternchen-Dasein, aber Schwamm drübber.
Die Zeit hat gegen mich und wahrscheinlich auch dich gearbeitet (denn wer liest denn noch Blogs). Oldschoolige Qualitäten wie Recherche, eigene Gedanken und Erfahrungswissen gehen im LinkedIn-Zeitgeist langsam unter. Ich sag das jetzt wie so eine “elende Boomerin” , dabei bin ich ja nur eine peinliche GenY.
Und um eins gleich klarzustellen: Es ist nicht so, dass ich die Lust auf diese neue Art von Content nicht verstehe. Dass ich nicht selbst gern eine sensationslüsterne Voyeurin bin, die nicht auch mal gerne in teils unglaublich privaten Einblicke eintauchen möchte, wenn sie dermaßen sorglos geteilt werden.
Dennoch habe ich auch angesichts der sich verschiebenden Lage, wie Social Plattformen mit der Community umgehen, ein flaues Gefühl beim Gedanken an den HR-Bereich und wie dieser Social nutzt.
Der Status quo: Peer-Learning ist tot
Peer-Learning war mal so ein Ding, was gar nicht übel war. Man hatte einen echten Austausch unter Gleichgesinnten, gerne auch mal vor Ort in Büro in kleiner Runde. Man hat sich gesagt, woran man so arbeitet, hat Ergebnisse oder Fuckups gezeigt und sich Hilfe geholt.
Achtung, Omma erzählt von früher: Es gab mal eine Zeit, da hab ich fast meine ganzen Anregungen, wie ich meinen Job besser machen kann, u.a. von LinkedIn und aus den daraus entstehenden Interaktionen gezogen. Heute wird vermeintliches Wissen kaum noch über interessante Gedanken oder echte Expertise geteilt. In der Ära der Abreißkalender-Weisheiten und Schocker-Postings, die einfach nur eine Menge Klicks und Engagement bringen sollen, ist sehr oft keine tiefere Auseinandersetzung mit den Themen aus dem People-Bereich mehr erkennbar.
Was will man auch mit 3000 Zeichen groß anstellen? Postings, die eigentlich eher ins Tagebuch gehören, gehören halt ins Tagebuch. Der Rahmen des Peinlichen hat sich verschoben. ABER: Die Selbstoffenbarung bis zur absoluten Schmerzgrenze wird belohnt – zumindest mit Reichweite.
Das Problem daran sehe ich nicht unbedingt im Content selbst, sondern in den Auswirkungen. Die HR-Community, einst gefragt dafür, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu teilen und Netzwerke zu schaffen, verliert an Glaubwürdigkeit. Wird zu Einzelpersonen verschmolzen, die viel Traffic abbekommen. Die Güte des Contents ist dabei egal. Andere nehmen sich daran Beispiele, bekommen dazu Schulungen, es gleich zu tun, etc.
Ein ganzer Industriezweig lebt davon. Das ist auch okay, aber mir fehlt oft der langfristige Blick.
Belanglose Allgemeinplatz- und absolute Selbstoffenbarungs-Postings mögen kurzfristig Klicks bringen, aber damit wird auch eine Content-Spur generiert, die euch langfristig verfolgt. Nicht alle schauen nur auf die Reichweite. Gerade bei Entscheidungsträger*innen, die euch vielleicht interessieren, weil ihr Anerkennung, einen Job oder einen Auftrag von ihnen wollt, kommt sowas oft schlecht an.
Authentizität braucht Zeit – und das ist gut so
Zeit scheint auf LinkedIn immer mehr zu einem Faktor zu werden, der gegen einen und nicht für einen arbeitet. „Du musst direkt auf Kommentare antworten“, „die erste halbe Stunde ist die wichtigste“, „du musst mindestens 10 Kommentare die Woche schreiben“ und „neue Kontakte sofort adden und nicht liegen lassen“… die Anforderungen des Netzwerks werden immer anstrengender.
Ich bin seit Jahren auf LinkedIn aktiv und habe immer konsequent vermieden, mit meinem eigenen Account den Hypes hinterherzulaufen, was ich bisweilen (ich sag’s wie es is) auch mal bereue. Dann denk ich wieder: Meine Sturheit und mein Ego haben mich aber vielleicht auch vor manchem bewahrt…who knows.
Statt mich nur den Trends zu unterwerfen habe ich versucht, mich auf Mehrwert zu konzentrieren: Wissen teilen, Fragen beantworten, Themen anstoßen, die mir am Herzen liegen. Die ich aus meinem Unternehmen zeigen möchte. Dann, wenn ich auch echt Zeit und Bock habe, was zu schreiben.
Es hat damit absolute Ewigkeiten gedauert, meine Community aufzubauen. Und dann ist sie mit 10k nach all den Jahren auch noch geradezu winzig. Ganz schlecht fürs Ego. Doch dann ist mir aufgefallen: Was dabei entstanden ist, ist nachhaltig. Ich habe dadurch langsam einen Trust aufgebaut, sodass ich auch als Expertin wahrgenommen und angesprochen werde.
Ich kenne aber auch die andere Seite gut. Ich war schon live dabei, als auf einem Event Wetten abgeschlossen wurden, wer nun schneller die Marke von 10.000 Follower*innen erreicht. Es wurde ein regelrechtes Game daraus, das man dann auch live mitverfolgen konnte…was hat darunter gelitten? Natürlich der Content.
Langjährige User*innen konnten ja insgesamt beobachten, wie die gesamte Strategie bei LinkedIn auf schöne Bilder (jetzt im Bewegtformat) und oberflächliche Inhalte umgestellt wurde – immer auf der Jagd nach dem nächsten viralen Moment. Was ja auch wiederum der allgemeinen Nutzung von Social Media entspricht.
Mein naiver Gedanke war: Ein berufliches Netzwerk muss da ja gar nicht mitmachen. Aber dann fiel mir wieder Xing ein…die haben irgendwann komplett den Anschluss und damit das ursprüngliche Geschäftsmodell verloren, was ziemlich katastrophal für das Unternehmen war.
Dennoch frage ich mich:
Können wir diesen Schrott nicht einfach sein lassen?
Es ist nicht so, dass ich etwas gegen LinkedIn habe. Im Gegenteil, ich nutze meine Reichweite dort beständig. Auch ich wurde schon öfter für meinen Content ausgezeichnet und habe dadurch nicht nur mein Ego gestreichelt, sondern auch echte berufliche Chancen erhalten. Aber Reichweite allein ist kein Wert an sich. Das, was man mit dieser Reichweite anfängt, das ist die Frage. Das kann ich euch auch deshalb sagen, weil ich als kleiner Account mit ca. 7k Followings und ohne massiven Interaktionen damals von LinkedIn selbst als TopVoice ausgezeichnet wurde.
Wenn mittlerweile neue Influencende die Plattform betreten und sofort in die zentausende Followerschaft kommen mit einem Namen, den vorher wirklich niemand kannte, dann ist das ein konzertiertes Werk. Ein PR-Meisterwerk sozusagen. Ein Schelm wer böses dabei denkt, wenn es der einzige Job ist, Reichweite zu erzeugen. Thought Leadership oder Thought Drop Shipping – das ist hier die Frage.
Was viele nicht wissen: LinkedIn gibt für einen ausgewählten Kreis die Themen vor. Man erhöht damit seine Chance, Content zu pushen oder in den News gefeatured zu werden. Ich hab das eine Zeit lang versucht mit tweilweise erstaunlichen Reichweiten-Ergebnissen. Aber wenn alle zur gleichen Zeit zum gleichen Thema schreiben und dafür ChatGPT nutzen, dann kommt unterm Strich immer das selbe raus: Wenig Expertise, viel blabla. Echte Connections kamen über diese Strategie nicht zustande.
Besonders hellhörig bin ich seit dem Moment, als auch absolute Pionierinnen des LinkedIn-Games wie Christina Richter oder Britta Behrens, laut Kritik übten. Und die Kritik geht und ging vor allem an uns: die User*innen. Wer den Bauligs die Leseminuten, Comments, Likes und keine Blocks gibt, macht was falsch. Und wer nicht versteht, worüber ich die letzten 2 Absätze gesprochen habe, der/die macht allerdings vieles richtig. 😉
Das LinkedIn-Dilemma: Zwischen PR-Strategien und echtem Austausch
Es gibt natürlich auch positive Beispiele. Reichweitenstarke Accounts wie Cawa Younosi haben gezeigt, wie man LinkedIn nutzen kann, um echte Inhalte zu teilen – und dabei extrem erfolgreich zu sein. Wer Cawa kennt, weiß, dass seine kompromisslose Art authentisch ist. Er sagt, was er denkt, und hat damit initial nicht nur riesige PR für seinen ehemaligen HR-Bereich bei einem der größten deutschen Aktienunternehmen gemacht, sondern echte Diskussionen angestoßen. Auch als er einen medialen und beruflichen Rückschlag hinnehmen musste, sind seine Follower*innen ihm treu geblieben. Warum? Weil sie ihm glauben, dass er echt ist.
(Disclaimer: Ich schulde ihm nix, wir kennen uns eh schon und deshalb kann ich das auch ohne Schleimspur schreiben.)
Der Großteil der Inhalte, die heute auf LinkedIn kursieren, folgt aber einem anderen Muster. Content, der auf den ersten Blick toll aussieht, sich aber beim zweiten Hinsehen als substanzlos erweist. Garniert mit absolut hirnrissigen Fragen, weil man das halt so macht wegen Engagement über Kommentare. Ich entferne diese Inhalte und Kontakte aus meinem Feed, aber es bleibt ein fahler Beigeschmack, wenn die eigene Reichweite gedrosselt wird bei den wirklichen (lies: praxisrelevanten) Mehrwert-Themen aus dem eigenen Arbeitsbereich.
Wie HR sich wieder auf die eigene Stärke besinnen kann
Zurück zu den Wurzeln. Zurück zu echtem Peer-Learning und einen stärkeren Fokus auf Inhalte, die langfristig einen Unterschied machen. Das würde ich mir wünschen.
Mehr Qualität statt Quantität: Bei den ganzen HR-Events hat sich gezeigt: Die guten Formate haben auch in der Post-Pandemiezeit noch viel Zuspruch. Auch dort zeichnet sich immer mehr ab, dass die Qualität vorgeht und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Da könnte man sich ja mal was von abgucken.
Keine Angst vor Authentizität: Sei du selbst. Teile deine echten Erfahrungen und Meinungen, denn ChatGPT ist nicht immer dein bester Berater und wenn das Ding ja alles besser weiß als du… dann braucht es dich wohl nicht mehr? (ganz lieb gemeint)
Langfristige Beziehungen statt kurzfristiger Klicks: Es geht nicht darum, möglichst viele Kontakte zu haben, sondern die richtigen. Vertrauen kostet Zeit und will behutsam aufgebaut werden. Konzentriere dich auf den Aufbau echter Verbindungen, dann hast du auch etwas, das bleibt.
Kritisch bleiben: Hinterfrage, welche Inhalte du teilst und warum. Willst du nur Engagement generieren – oder einen echten Mehrwert bieten? Bisschen Posing und Flexen ist okay, das braucht auch mein Social- und Berufsego. Aber wenn das dein ganzer Inhalt ist, dann wird man sich als Betrachter*in schon die Frage stellen, ob du wirklich was Essentielles auf die Beine stellen kannst, wenn es drauf ankommt.
Go offline: Geh raus ins Leben und in den Job und setz dich mit den realen Themen auseinander. Und dann wirst du auch wieder echte Inspiration für Inhalte haben und nicht nur die “Ich frag mal ChatGPT”-Postings, die deinen Content-Plan voll machen.
Die HR-Community hat, auch auf LinkedIn, das Potenzial, wieder zu einem echten Ort des Wissensaustauschs zu werden – abseits von Clickbait und Oberflächlichkeit. Das braucht Mut für echte Meinung aus der Praxis und Geduld, um Inhalte zu schaffen, die wirklich einen Unterschied machen. Wer auf Authentizität und langfristige Beziehungen setzt, wird am Ende gewinnen. Und vielleicht ist das genau der Weg, wie HR nicht nur auf LinkedIn, sondern auch im echten Leben wieder mehr Einfluss bekommt. Denn am Ende zählt nicht, wer die meisten Follower hat, sondern wer die größte Wirkung erzielt – und das plattformunabhängig.

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