„Mir ist HR oft zu 0815“ Nora-Vanessa Wohlert von Edition F im Interview

Letztens wartete ich bei meinem Stammitaliener auf die „Pizza zum mitnehmen“ und konnte währenddessen einem Gespräch lauschen, das zwei Redakteurinnen miteinander führten. Eine von beiden hatte offensichtlich eine Idee für ein Online-Magazin und ihre Bekannte versuchte sie davon zu überzeugen, diese Idee endlich in die Tat umzusetzen. Dabei fiel der Satz „Frag doch mal die Nora von Edition F – die hat es doch auch geschafft! Du brauchst ein paar Unterstützer zu Anfang und wenn die Idee gut ist, fliegt sie!“

Nora-Vanessa Wohlert ist ein unternehmerisches Vorbild für Frauen – auch jenseits des Journalismus. Sie hat etwas geschafft, was für viele vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch wie eine absurde Nischen-Idee klang: Ein Newsportal aufzubauen, das maßgeblich von Frauen für Frauen gestaltet wird. Und das sich nicht um Beauty & Lifestyle, sondern um „echte“ Themen aus der Mitte des Lebens und der Wirtschaft dreht. Darüber hinaus hat sie die Marke Edition F inkl. Konferenzen und Seminaren etabliert. Ich habe mich mit Nora über Edition F, ihre Einstellung zum Erfolg und auch über HR unterhalten. Viel Spaß!

Liebe Nora, mit Edition F hast du etwas geschafft, das wahrscheinlich viele vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hätten: Du hast mit deinem Newsportal von Frauen für Frauen den großen Playern eine Ansage gemacht.

Hand auf’s Herz: Wie sicher warst du dir am Anfang deiner Gründung, dass Edition F fliegt? Und was musstest du dafür – vielleicht auch persönlich – in Kauf nehmen?

Nora: „Sicher waren wir uns nicht. Aber wir hatten eine große Vision und auch einen starken Glauben, weil wir überzeugt waren, dass so ein Medienunternehmen wie EDITION F fehlt. Wir wollten die Lücke schließen zwischen klassischen Frauenmedien und männlich fokussierten Wirtschaftstiteln und dabei viel mehr sein als ein Medium.
Im Magazin geht es bei uns vor allem um starke Stimmen, Hintergründe und die weibliche Perspektive. Aber wir schaffen mit unseren Events wie dem FEMALE FUTURE FORCE DAY und dem 25 Frauen Award vor allem auch offline eine Community. Das zählte für uns von Anfang an, ein starkes Netzwerk aufzubauen.


Beim Trends+Friends-Festival wirst du zum Thema weibliche CEOs sprechen.
Was hat dir bei deiner Gründung damals am meisten geholfen? Hattest du Mentorinnen und Mentoren, die dich unterstützt haben?

Nora: „Meine Mitgründerin Susann und ich haben viele Wegbleiter*innen, die uns in unterschiedlichen Phasen des Unternehmens stark geholfen haben. Wir tauschen uns regelmäßig und intensiv mit anderen Gründer*innen aus, holen uns für spezielle Führungsthemen und Teamthemen Coaches dazu. Es ist unglaublich wichtig nicht immer im eigenen Blick zu bleiben, sondern laufend dazu zu lernen und eine Außenperspektive dazu zu holen.”

Würdest du mit heutigem Wissen bei deiner Gründung noch mal genauso vorgehen?

Nora: „Es gibt viele Dinge, die ich beim nächsten Mal anders machen würde – trotzdem würde ich aus heutiger Sicht sagen, dass wir viel richtig gemacht haben. Trotzdem würden wir mit der Erfahrung aus sechs Jahren Unternehmertum viele Dinge von Anfang an anders strukturieren. Dazu gehören bestimmte Teamaufstellungen, früher Verantwortung an erfahrene Personen abzugeben, sich Zeit nehmen um die Unternehmenskultur aufzubauen, aber auch Kosten an Positionen zu sparen, wo wir einfachere Lösungen gehabt hätten.”

Was glaubst du, woran es liegt, dass die Gründerinnen-Kultur in Deutschland nur langsam in Schwung kommt? Und nervt es dich vielleicht manchmal auch, dass du immer über das Gründen und Frausein sprechen musst? (Ich sag nur: Stichwort “Quotenfrau”)

Nora: „Solange es nicht 50 Prozent Frauen gibt unter den Gründer*innen, werde ich über das Thema noch sprechen und das sogar gern. Denn ich glaube, dass eine diversere Gründer*innenlandschaft große Fortschritte möglich machen wird. In meinem unmittelbaren Umfeld gibt es so viele Gründer*innen, dass ich den offiziellen Zahlen manchmal gar nicht glauben kann. Aber ich denke es gibt zentrale Themen, die wir angehen müssen, um das Gründen attraktiver zu machen. Wir brauchen mehr Kapital im Markt für Startup-Gründer*innen und für die Wachstumsphase, mehr Entrepreneurship-Themen in der Schule und Uni und eine offene Kultur des Scheiterns.”

Bei Edition F kann man auch viele kontroverse Themen und Meinungen lesen. Ich erinnere mich z.B. an einen Artikel über Abtreibung, der für ordentlich Gesprächsstoff gesorgt hat – und für den auf anderen Portalen wahrscheinlich kein Raum gewesen wäre. Nach welchen Kriterien wählt ihr aus, was bei euch veröffentlicht wird?

Nora: „Wir setzen bewusst Themen auf die Agenda, die sonst nicht den Raum bekommen, den sie brauchen. Wir gehen dabei stark von den Themen aus, die uns persönlich, aber auch unsere große Community und Leser*innen uns spiegeln.”

 

Nora Wohlert, Edition F, Credit: Jennifer Fey

Nora Wohlert von Edition F, Fotocredit: Jennifer Fey

Bevor wir zu ein paar „HR-Fragen“ kommen, mal noch eine persönliche Frage:
Kamen mit dem Erfolg und deiner Popularität plötzlich auch Leute an, bei denen du früher im Spam- oder Ignore-Filter gelandet bist? Wen nimmst du ernst, wenn es um einen entscheidenden Rat geht?

Nora: „Mit dem Erfolg ist es immer eine Frage. Oft fühlt man sich gar nicht so erfolgreich, wenn man mitten drin steckt. Ich muss sagen, wir hatten von Anfang auch sehr hochkarätige Leute die uns und EDITION F supportet haben, das war viel Wert. Aber natürlich öffnen sich mit zunehmender Bekanntheit auch mehr Türen.”

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfasst euer Team bei Edition F eigentlich momentan?

Nora: „Wir sind um die 20 feste Leute im Team und arbeiten darüber hinaus natürlich mit freien Journalist*innen zusammen.”

Ich war neulich in einem sehr großen Verlagshaus. Irgendwie war ich auch froh, dass ich da wieder draußen war. Es hat sich alles sehr förmlich angefühlt und trotz Großraumatmosphäre konnte man die Hierarchie quasi riechen. Wie würdest du eure Firmenkultur bei Edition F beschreiben?

Nora: „Wir sind sehr auf dem Weg an unserer Unternehmenskultur zu bauen, Dinge auszuprobieren, gemeinsam mit dem Team zu lernen. Das ist aber ganz klar ein langer Prozess mit Stolpersteinen. Was uns auszeichnet ist sicher, dass grundsätzlich jede*r die beste Idee haben kann, vom*von der Praktikant*in bis zum Head of.

Im Startup wird jede*r ein bisschen zum Unternehmer*in. Das bringt auch viel Verantwortung und muss vom Team auch so gelebt werden. Viele finden das klasse, viele wünschen sich aber auch feste Strukturen. Wir versuchen immer auch Räume zu öffnen für das Team, auch für Kritik, denn es gibt viel zu lernen, auch für uns als Gründerinnen. Insgesamt arbeiten wir in jedem Fall mit persönlicher Flexibilität und versuchen so Räume zu öffnen für individuelle Bedürfnisse.

Ich “kenne” dich von den großen Bühnen und aus Interviews – aber wie bist du eigentlich so als Chefin? Was glaubst du, würden deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über dich sagen?

Nora: „Das müsste man das Team fragen. Ich denke viele würden über mich sagen, dass ich hohe Erwartungen habe, an mich und auch an das Team. Ich bin aber auch offen für Fehler, und überzeugt, dass wir daraus ziemlich viel lernen können.

Du triffst auf den Veranstaltungen (und auch auf eurer eigenen Edition F-Konferenz) ja auch viele Personaler, Gründer und Firmenvertreter. Was glaubst du, ist eigentlich an der deutschen Arbeitskultur am meisten im Argen?

Nora: „Das ist eine ganze Menge. Ich denke alles ist im Wandel und die Unternehmen kommen nicht wirklich mit. Dazu gehören Themen wie Flexibilität, Vertrauen und auch stetiger Wandel.”

Was ist deine Meinung zu HR und Personalern? Hast du in deiner Karriere vor der Gründung schon Erfahrungen mit dieser “Spezies” gemacht und wie waren diese?

Nora: „Mir ist HR oft zu 0815, zu wenig persönlich. Mir ist zum Beispiel eine Note oder ein Studium ziemlich egal. Was zählt ist der Mensch und Brüche finde ich oft spannender, als ein Abschluss in der Regelstudienzeit. Es sollte mehr um den Menschen dahinter gehen, um persönliche Talente und wie man diese einsetzen kann, damit für die Person und das Unternehmen am meisten herauskommt.”

Erst Valerie Holsboer, dann Janina Kugel – beide sind in eher fragwürdiger Art und Weise um ihre Vorstandsämter gebracht wurden. In Gremien, die überwiegend männlich besetzt sind, scheint man sich manchmal doch sehr einig. Um es mal vorsichtig auszudrücken…

Was bedeutet für dich “Female Empowerment” und wie lebst du es? Hast du selbst schon diese Art der Unterstützung erfahren, die dir nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist?

Nora: „Auf unserem Weg haben uns so viele Personen begleitet, Frauen und Männer. Da oben gibt es jedoch noch ziemlich viele Männer in grauen Anzügen, die sich nicht vorstellen können, dass es in Deutschland überhaupt eine Frauen gibt, die DAX 30 CEO sein könnte. In den konkreten Fällen stecken ich im Detail nicht drin, aber ich wundere mich auch. Es ist unfassbar, dass es unter zehn Prozent Frauen in den Vorständen der DAX 30 gibt. Das kann nicht sein und darf nicht sein.”

Was wünschst du dir für die Arbeitswelt in 10 Jahren? Was sollte und müsste da anders laufen, wenn es nach dir geht?

Nora: „Das Unternehmen und Mitarbeiter*innen ihren Frieden miteinander finden und man sich gemeinsam hin bewegt zu einer Kultur, die Arbeit zu einem Ort und Gefühl macht, das mit Glück und Erfüllung verbunden wird.”


Liebe Nora, ich freue mich sehr, dich auf dem Trends+Friends-Festival mal wieder live erleben zu dürfen. Vielen Dank für deine Zeit!

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2 Gedanken zu “„Mir ist HR oft zu 0815“ Nora-Vanessa Wohlert von Edition F im Interview

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