Dein Job kann dich nicht glücklich machen.

Plädoyer für eine „bewusste Jammer-Kultur“.

Glücklich im Job, froh im Job, den richtigen Job finden – der Keyword- und Buchmarkt im Bereich Beruf und Arbeitsleben liest sich ein wenig wie die Literaturliste zu Liebe und Partnerschaft. Zumindest, was die Titel angeht.

Und irgendwie ist dieses Arbeiten ja auch ein bisschen wie eine Partnerschaft: Man sieht sich jeden Tag, redet viel (oder eben gar nicht), lacht zusammen, weint zusammen. Man wird zwischendrin von anderen (Unternehmen) per Xing, LinkedIn oder Headhuntern angeflirtet und lässt sich das mal durch den Kopf gehen. Merkt dann aber doch, dass es „zu Hause“ ganz schön ist. Oder dass man selbst doch zu bequem ist, jetzt was Neues anzufangen und dann festzustellen, dass „der neue“ beim Essen schmatzt oder das Gehalt nicht pünktlich überweist. Aber naja, bisschen genervt ist man halt schon von diesem Arbeitspartner. Das hat schließlich auch gerade in Deutschland eine lange Tradition. „Arbeit ist Arbeit, Schnaps ist Schnaps.“

Da guckt man doch ab und an ganz gerne mal zu den „jungen, wilden“ im Bereich Arbeitsleben. So verrückt und frei…hach! Dieses „New work“. Das wäre es doch!

„New work“ lässt viel Interpretationsspielraum und subsummiert praktischerweise alles unter einem Begriffs-Dach. Ob Arbeitsglück, Büroausstattung, Großraum-Office, Homeoffice…alles irgendwie „New work“,
Dass die Begrifflichkeit ihre Halbwertszeit schon hinter sich hat, merkt man unter anderem daran, dass keine Webseite, kein Interview und keine Konferenz mehr ohne das Thema auskommt. Es werden sogar eigene Konferenzen NUR um dieses Thema gestrickt. „New work“ ist längst keine Bewegung mehr, sondern eine fett gefressene Cashcow. Stell dem Mitarbeiter eine Infrastruktur deluxe zur Verfügung und dieses agile Dingsda und er wird schon happy! Hauptsache, er macht das, was er soll: arbeiten!
Was die Beratungsindustrie freut, stresst den Erfinder der „New work“-Bewegung, Frithjof Bergmann, zunehmend.

Und was macht man denn jetzt? Wenn sich Innovation also scheinbar doch nicht so einfach nachhaltig erzeugen lässt? Und diese Zufriedenheit will sich auch nicht verstetigen. Verdammt! Was macht man denn bitte dann mit den überdrüssigen Mitarbeitern? Sie haben doch jetzt alles: flexible Arbeitstage, unbegrenzten Urlaub, transparente Gehaltssysteme, Elternzeit vom Staat, Getränke, Mittagessen, das Event-Working-House auf Mallorca, Mitarbeiterumfragen, das lästige jährliche Mitarbeitergespräch wurde auch abgeschafft und die Ziele sind transparent runtergebrochen. Und wenn alles nichts hilft, dann können die Arbeitnehmer halt einfach ein Sabbatical vom angesparten Arbeitszeitguthaben machen!

Aber das Glück kommt und kommt nicht. Immer gibt es was zu meckern. Seife im Klo alle, Working-House auf Malle hat die schlechtesten Matratzen ever und ganz ehrlich: Wo ist mein Kale-Smoothie?!

Die, die jammern, haben eigentlich keinen Grund dazu.

Man hat es auch wirklich nicht leicht als priviligierter Arbeitnehmer in Deutschland: Endlose Wahlmöglichkeiten, Amazon Prime- Wishlists, günstige Flüge rund um den Globus. Aber irgendwie ist alles doof. Und dass die Kerstin aus dem Finance-Team nun dummerweise 2 Wochen vorher auf den Bahamas war und natürlich 24/7 Instagram und Facebook bespielt hat – wie steht man denn da jetzt bitte da?! Wie ein Nachmacher und Versager! Schönen Dank auch, Kerstin!

Für Arbeitnehmer gestaltet sich der Job- und Arbeitsmarkt in Deutschland auf zwei Arten. Entweder ist er ein Füllhorn an attraktiven Möglichkeiten – insbesondere dann, wenn man jung und ungebunden oder sehr erfahren und spezialisiert ist.
Oder er ist ein Albtraum im Niedriglohn-Sektor, bei dem man sich nur mit mehreren Jobs gerade so über Wasser halten kann.

Und insbesondere diejenigen, die der letzteren Gruppe angehören, bleiben still. Nicht die, die durch das feine neue Welt-Arbeitsraster fallen begehren also auf oder jammern laut, nein. Am lautesten weinen die Gutbezahlten, die sich in warmen und reichlich großen Büros den Hintern platt sitzen auf unbefristeten Verträgen. Die, die wissen: Wenn man MICH loswerden will, dann kostet das! So schnell können die mich hier nicht rauswerfen!

Auch ich bin eine davon. Und wahrscheinlich fühlst auch du dich gerade ertappt. Und natürlich arbeiten wir hart und natürlich haben wir unser Geld verdient und na klar kann man irgendwo immer ein bisschen mehr raushauen.
Aber WIR sind es, die sich darüber aufregen, wenn Ryanair mal wieder streikt („Was bekommen die überhaupt hin, mit ihrem Plastiksitzen und verklebten Tischchen und diese hässlichen Uniformen aus Polyester?! Jetzt auch noch den Zug nutzen! Ihgitt! Der unmögliche Service dort, kaltes Bordbistro, wenn es überhaupt geöffnet hat und wo ist überhaupt mein Wlan?!“) oder wenn die Kaffeemaschine im Offce mal wieder kaputt ist.

Klar ist das nun mit Absicht ein wenig überspitzt, aber meine Erfahrung aus nun auch schon gut 8 Jahren Arbeitsleben ist: Je mehr geboten wird, desto mäkeliger werden alle.

Und genau da liegt das Problem. In all dem Überfluss vergisst man häufig: Man ist alleine verantwortlich für sein Glück. Und man gehört zu den Gutverdienern, die sich ihr Glück leisten könnten.

Du bist der Arbeitgeber, also mach mich glücklich!

Stattdessen wird die Bringschuld beim Arbeitgeber gesehen. Irgendwie ist Feedback „ja echt mega wichtig“ und generell gibt es davon nie genug. Aber bitte nur nettes, weil mit Feedback bekommen meine ich nicht „kritisiert werden“. Wenn ihr meine Arbeit nicht gut findet, dann habt ihr alle keine Ahnung! Jetzt haben wir hier ein neues Büro, aber der, der die Küche ausgesucht hat, hat doch wirklich einen Geschmacksschaden.

„Ich bin irgendwie nicht glücklich, also mach was!“

Und was machen die Unternehmen und HR? Wir initiieren Umfragen, machen Workshops, Teambuildings, coachen, bieten anonyme Zettelkästen, binden ein, bilden aus, lassen „loud ausworken“ und es will und will nicht besser werden. Das Gros der Mitarbeiter bleibt unzufrieden.

Du bist ein Individuum und selbst für dein Glück verantwortlich.

Wann hast du eigentlich zuletzt jemandem den Rat gegeben, zu kündigen?
Bei mir ist es noch gar nicht so lange her. Unangenehmes Thema, oder? Ich meine: Ich bin HR, People & Culture, da ist es doch ein persönliches Versagen, wenn ein Mitarbeiter unzufrieden kündigt? (Kleine Fangfrage: Gibt es eine Kündigung aus Zufriedenheit?)

Ich bin der Meinung, dass es auch als HR notwendig ist, Mitarbeitern aufzuzeigen, wo der Ausweg ist, wenn sie in einer Sackgasse sind. Manchmal ist es dann leider tatsächlich die Kündigung und der Neustart in einem anderen Unternehmen oder Umfeld. In meinem Gesprächsfall hat wahrscheinlich gereicht, dass ich gesagt habe: „Du musst froh sein in deiner Tätigkeit und in deinem Leben. Kein Arbeitgeber der Welt kann dich glücklich machen. Das kannst nur du selbst.“

Natürlich sollte man aber als Arbeitgeber auch auf sich schauen und strukturelle Themen hinterfragen. Oft sind es auch mangelnde Entwicklungswege oder -möglichkeiten, die die Mitarbeiter unzufrieden machen. Manchmal sind es Unter- oder Überforderung. Da hat man dann als Organisation und vor allem als HR die Verantwortung, Lösungen zu suchen. Und das Suchen nach Lösungen wird dringlicher.

Die Millenials haben andere Anforderungen an den Arbeitsmarkt. Und nun?!

Momentan drängt eine neue Arbeitsgeneration auf den Markt, die vor allem eines in den Fokus stellen: sich selbst. Harter Tobak für Unternehmen, die auf Hierarchie und „gleiches Recht für alle – zumindest nach Jobtitel“ eingestellt sind.

„Purpose“, also Sinn und Berufung im eigenen Job zu finden, ist bereits und wird in Zukunft immer wichtiger für junge Arbeitnehmer. Wir haben es hier auch mit einer Generation zu tun, die im Elternhaus, in Schule und universitärer Ausbildung vor allem eines gelernt haben: Sich durchzusetzen und sich wenig in Frage zu stellen. Und das beste zu wollen. Dafür aber für vieles die Umgebung in die Verantwortung zu ziehen.

Ich bin nun kein Erziehungs- oder Gesellschafts-Experte. Warum sich hier ein Wandel vollzogen hat, kann man sicher an dem Thema Eltern-Generationen ausmachen. Je weiter Kriege, aus eigener Kraft etwas aufbauen (müssen) und eingeschränkte Wahmöglichkeiten in den Hintergrund rücken, desto ausgeprägter wird das „Ich“ wahrscheinlich wahrgenommen. Und vor allem das Thema Lebensglück in den Fokus gerückt. Befeuert durch soziale Medien und einem damit einhergehenden Perfektionsdruck, wird es für junge Leute ja auch nicht leichter. Man sollte sich mal mit Lehrern und Erziehern unterhalten, wenn man noch nicht selbst in der Elternabend-Hölle fristen muss.

Jammern ist auch mal Psychohygiene. Aber man sollte nicht zu viele damit belästigen.

Man, was jammere ich gerne. Ist dem geneigten Leser sicher auch schon aufgefallen. 😉
So ein bisschen Psychohygiene muss ja auch sein: Chefs doof, Teamleiter doof, Mitarbeiter doof, Dienstleister doof, alle anderen einfach unfähig – irgendwas ist immer und irgendwie ist auch immer nichts. Wenn man weiß, dass es voll okay ist, sich auch mal in seiner Peer-Group auszujammern, dann muss man es wenigstens nirgends anders auslassen. Im Bestfall dann auch nicht an und in der eigenen Firma. Bei anderen gibt es nämlich auch keine Hafermilch und glutenfreies Bier auf Firmenspesen. Glück gehabt!

Und nur, weil man mal jammert, sollte man (insbesondere als HR) auch nicht alles schwarz sehen oder den Kopf in den Sand stecken. Es ist in jedem Job normal, dass man Krisen hat, alles gerade einfach nur nervt oder man schlicht und einfach mal keinen Bock hat.

Dass man dann immer gleich neue Benefits und am besten noch ganze Theorien in den Ring werfen muss, halte ich für überzogen. Tatsächlich ist es ja so: Man hat in einem freien Land wie Deutschland (noch) die Wahl. Und am Ende ist keine Firma dieser Welt für dein Lebensglück verantwortlich. Das hast nur du selbst in der Hand. Hart, was?!

Aber es hilft als Unternehmen auch, das kollektive Jammern gezielt auszurufen. Z.B. in Form von Mitarbeiter-Umfragen. Aber Vorsicht! Auch die bieten kein Seelenheil. Man, was kann man auch da sauer werden – als Mitarbeiter „der den Schwachsinn ausfüllen muss“ oder als HR oder Management-Lead, wenn man manche Kommentare liest. Aber wenn sich jemand schon die Mühe macht, eine Umfrage zu initiieren oder einen Kommentar zu verfassen, dann muss man das auch ernst nehmen.

Wenn eines beide Seiten – Firmen wie Mitarbeiter – lernen müssen , dann ist es, dass das meiste in unserem (Arbeits-)Alltag mit Gefühlen zu tun hat. Und die müssen halt raus. Und sie können auch nicht immer rational bearbeitet werden. Und wenn man sich halt nicht glücklich fühlt, dann sollte man – als Unternehmer wie als Arbeitgeber – erstmal bei sich selbst Ursachenforschung betreiben.

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