5 Tipps für einen besseren Start im Bewerbungsgespräch – für Bewerber UND Recruiter.

Hallo lieber Bewerber, du bist uns wichtig und es tut uns leid! Deine HR

In der Edition F erschien zu meiner Überraschung (lies: zu meinem Entsetzen) bereits vor einiger Zeit ein Artikel mit dem Titel „Liebe Bewerber, ich kann es nicht mehr hören…“. Der Titel wurde mittlerweile entschärft und als „offener Brief an Bewerber“ überschrieben. Nachdem ich gerade wieder bei LinkedIn darüber gestolpert bin – diesmal als Verlinkung des business-insider und unter alter Überschrift, bekam ich erneut hochgradig Schnappatmung.

Wenn du Personaler oder Führungskraft bist, die in Bewerbungsgesprächen dabei sitzt, dann denke bitte mal eben darüber nach: Wann war das letzte Mal, dass du in der Bewerberrolle warst? Ist vielleicht schon etwas her, vielleicht war es auch kürzlich. Wie waren die Gespräche, die du hattest? Wie hast du dich dabei gefühlt? Was ging dir davor und danach durch den Kopf?

Ich kann nur von mir sagen: Ich habe einen längeren Bewerbungszyklus hinter mir und ich hatte alle Arten von Gesprächen. In manchen habe ich mich direkt wohlgefühlt (hinterher dachte ich: „Upsi – war das jetzt nicht mehr Plauderei als professionelles Gespräch? Wie unprofessionell von mir!“), bei manchen hat es  irgendwie nicht gestimmt (die Chemie, mein Profil, meine Tagesform) und manche habe ich fast schon wieder vergessen, weil sie mir vielleicht in dem Moment nichts spannendes gegeben haben.

Dennoch war ich vor jedem der Gespräche sehr aufgeregt. Hallöchen, und das als Personaler?! Nunja – „the other side“ ist auch gar nicht so einfach!
Manchmal kam ich aus einem Gespräch, saß abends auf der Couch und hab mir das alles durch den Kopf gehen lassen und dachte dann: „Ohjeh. Hast du das wirklich so gesagt?! Ach du liebes bisschen, war das nicht ein bisschen frech?!“
Manchmal dachte ich auch: „Wieso hab ich mich nicht einfach bedankt für die bisher investierte Zeit und gesagt, dass mir nun gerade bewusst wird: Ich bin auf keinen Fall die Richte für den Job und ich möchte nicht weiter Arbeitszeit klauen?“

Tja…wieso, weshalb, warum:

Weil ein Bewerbungsgespräch eben kein Smalltalk ist.

Weil man sich ja eigentlich von seiner besten Seite zeigen möchte. Gerade als Personaler bei seinen Kollegen.

Nun bin ich wieder auf der anderen Seite des Bewerbungstisches (Notiz an mich: Lieber am Tisch über Ecke sitzen!). Und bei der Gelegenheit bekomme ich natürlich auch allerhand Anekdoten-taugliche Dinge mit. Bewerber, die es erstmal mit ein bisschen flirten versuchen, welche, die gerade nicht so richtig wissen, wo sie nochmal sind oder eigentlich gar nicht wirklich wissen, was sie wollen. „Mal reinschnuppern“ ist vielleicht nicht die perfekte Wortwahl für eine Langzeitbeziehung – aber hey: Wenn es dein erster Job ist, ist es vollkommen normal, dass du mir noch nicht viel zu dem Job bei uns erzählen kannst. Ich kenne ja unsere Jobanzeige: Dann frage ich dich einfach, was dir daran gefallen hat. Dann kommen wir meistens ganz von alleine ins Gespräch. Dann kann ich dir auch mal sagen, was mir an deiner Bewerbung gefallen hat. Und wir sind uns danach hoffentlich einig, dass wir uns beide auf das Gespräch vorbereitet haben.

Vor ein paar Wochen habe ich in meinem Netzwerk nachgefragt, was die kuriosesten oder lustigsten Erlebnissen mit Bewerbern waren:

Manche waren wirklich lustig, andere echt absurd, aber bei der Frage ging es mir nicht darum, sich mal kurz über die „trotteligen Bewerber“ lustig zu machen, sondern darum, zu verstehen, was so alles schief gehen kann in der Beziehung HRler/Recruiter und Kandidat.
Ich habe meine Kollegen also gefragt und das „Best of“ verwandele ich nun in:

5 Tipps für einen besseren Start im Bewerbungsgespräch – für Bewerber UND Recruiter:

1. Sei du selbst – du musst nicht perfekt sein, das ist eh langweilig!

An den Bewerber:

Der Artikel in der Edition F, über den ich mich am Anfang echauffiert habe, beschwert sich vor allem über gestelzte Konversationen. Die mag ich als Personaler übrigens auch nicht. Alle Kollegen, die ich schätze, möchten gerne, dass die Bewerber sich so zeigen können, wie sie sind und keine Angst haben müssen, wenn ihnen mal eine Formulierung etwas daneben geht. Wenn du merkst, dass eine Formulierung vielleicht gerade nicht ganz passend war, dann sag das einfach. Wir lachen dann kurz gemeinsam drüber: weil lachen entspannt – und dann geht es weiter.

An den Recuiter:

Wenn einem mal die Worte fehlen oder man sich verhaspelt hat oder sonstwas ist:  die Situation kurz aufklären hilft. Alles andere kann dann leicht fahrig oder unkonzentriert wirken. Der Bewerber wird sich vielleicht auch fragen, ob man sich wirklich vorbereitet hat.

2. Verlange nicht zuviel von dir – aber konzentriere dich!

An den Bewerber:

Es ist kein Kaffeeklatsch, aber auch nicht deine Führerscheinprüfung. Eine grundsätzliche Aufgeregtheit ist doch ganz normal. Ich bin selbst als Recruiter immer angespannt, wenn ich weiß, dass ich gleich ins Gespräch gehe: Ich finde es sehr spannend, Menschen kennen zu lernen und für mich ist es wichtig, um mich besser fokussieren und konzentrieren zu können. Den meisten meiner Kollegen geht es so.
Also gehe mit diesem Wissen in das Gespräch. Die andere Seite möchte auch immer, dass du dich wohl fühlst.  Vielleicht solltest du trotz des Wohlfühlfaktors davon absehen, eine Fliege zu töten, während du gerade über deine Vita sprichst – es könnte irritieren auf dein Gegenüber wirken. 😉

An den Recruiter:

Wenn es für dich gar keinen kurzen Moment der Anspannung/ Fokussiertheit mehr bedeutet, einen Menschen kennen zu lernen, ist es eventuell Zeit für einen Jobwechsel! 😉

3. Du musst dich nicht verkleiden – aber mehr als Jogginghose ist okay!

An den Bewerber:

„Komm so, wie du dich wohl fühlst: Wir haben keinen Dresscode.“- das steht zumindest seit neustem unter den Einladungen, die ich versende. Mein Tipp: Schau vorher mal auf die Webseite des Unternehmens. Meist gibt es Fotogallerien oder Videos und dort sieht man auch ein bisschen, wie es zugeht. Bei Konzernen und im Mittelstand gilt meistens das formellere Outfit. Zumindest bei Herren Sakko + Hemd mit dunkler Hose (mittlerweile ist fast überall weder Krawatte noch Anzugoutfit-Zwang – kann je nach Position natürlich variieren) und bei Frauen auch gerne ähnlich. Im Zweifel liegst du damit nicht falsch und du kannst das Jackett einfach ausziehen wenn du merkst, dass es irgendwie vielleicht doch zuviel ist.
Auch, wenn es locker zugeht mit dem Outfit: Die Jogginghose oder das Partyoutfit mit „frechen“ Sprüchen auf dem Shirt oder tiefem Ausschnitt muss es dann auch nicht sein. Bitte lasse deine Schuhe an.

An den Recruiter:

Bitte lasse deine Schuhe an. 😉 Und wenn jemand im Outfit total daneben war, sprich das an! Kommt jemand im Anzug ins Startup: „Hast du dir vorher unsere Seite angeschaut? Zieh dir gerne Sakko/Jackett und/oder die Krawatte aus – wie  du dich wohler fühlst.“
Und dieser Satz mit dem Dresscode in der Einladung wirkt manchmal Wunder.

4. Du musst nicht tausend Tode sterben – sag einfach vorher nochmal Bescheid, wenn du sehr aufgeregt bist!

An den Bewerber:

Hast du Prüfungsangst? Hattest du bei deinen letzten Gesprächen eine schlechte Erfahrung? Bist du so sehr aufgeregt, dass du schon am Tag vorher nichts essen kannst?

Bitte, bitte – gebe uns Bescheid. Es ist gar nicht schlimm und wir helfen dir gerne dabei, die Angst abzubauen. Wir können uns auch erstmal außerhalb der Firma treffen, wenn das für dich einfacher ist. Bei einem Kaffee in nicht-Konferenzraum-Atmosphäre fällt es dir leichter? No Problemo – wir kommen gerne woanders hin!

An den Recruiter:

Sprich es unbedingt an wenn du merkst, dass dein Geprächspartner extrem aufgeregt ist. Klatschnasse Hände und zittern sind wirklich untrügliche Zeichen.
Geh im Zweifel mit einem Glas Wasser und dem Bewerber nochmal vor die Tür und zeige, dass man keine Angst vor dir haben muss.
Prüfungsangst ist nicht schlimm und meistens legt sich diese Aufgeregtheit auch wieder. Es ist kein Indiz dafür, dass der Kandidat jedes Mal so reagiert, wenn er eine Challenge hat. Biete sonst auch ein Treffen an einem anderen Tag/Ort an. Und schicke die nächste Einladung gleich los. Das gibt dem Bewerber ein sicheres Gefühl.

5. Bringe genug Zeit mit – es ist ein Zeichen der Wertschätzung!

An den Bewerber:

Ich weiß, es ist Abend. Die Freunde warten zum Fifa-Zocken, die Freundin möchte ihr Essen gekocht wissen, der Hund muss raus, um halb 7 startet deine Lieblingsserie…aber wieso hast du dann nicht nochmal gesagt, dass es heute nicht so gut passt?

Trau dich immer zu sagen, wenn es nicht so super geht an dem Tag. Wir verschieben jeden Termin gerne (sollte dann im besten Fall aber nicht öfter als 2x sein, weil sowas ja immer mit einer größeren Abstimmungsschleife verbunden ist). Du kannst generell besser morgens oder mittags? Super! Sag das dem Recruiter: Er wird sich freuen und die Terminfindung klappt besser.
Achja. Und bitte: Sei pünktlich oder sag von unterwegs Bescheid, dass es später wird. Wir wissen: Du hast ein Smartphone. 😉

An den Recruiter:

Asche auf unser Haupt. Hand heben, wer sich nicht schonmal einen Gesprächstermin sehr knapp gelegt hat. 

Wir kennen es: Ausgerechnet an dem Tag sind alle Räume blockiert und in dem, den du gebucht hast, ist noch ein superdringender Call, der überzogen wird. Du schaust nervös auf die Uhr. Bietest dem Bewerber im Wartebereich das 3. Glass Wasser an. Überlegst fieberhaft, was zu tun ist. Dein nächster Anschlusstermin ist superwichtig und beginnt pünktlich.

Ich bekenne mich hiermit schuldig. Ich habe es dem Bewerber in dem Fall offen gespiegelt. Wir haben ersten Smalltalk im Wartebereich gehalten, bis der Raum dann frei war. Meine Kollegin wusste Bescheid und hat dann ohne mich die Office-Führung übernommen. Ging also alles grade nochmal so gut. Seitdem achte ich aber auf Zeitpuffer. Nichts ist unhöflicher, als den Kandidaten warten zu lassen und ihn dann noch schnell „abzufertigen“.

 

 

…ich könnte noch ewig so weiter machen, aber ich möchte es vorerst bei dieser kleinen Gedankenanregung belassen.

Liebe Bewerber,

ich hoffe ihr seht: Recruiter sind auch nur Menschen – und unser Ziel ist es nie, jemanden klein zu machen oder doof aussehen zu lassen. Zumindest nicht, wenn wir unseren Job mögen und verstehen.

Liebe Kollegen,

Danke, dass es euch gibt und dass ich mit und von euch lernen darf. Danke auch an alle dafür, dass ihr mir einen Vertrauensvorsprung  und einen Einlick in eure Kuriositäten-Schatulle gegeben habt.

Ich freue mich auf Diskussionen zu dem Artikel – mit Recruitern, Bewerbern, Führungskräften. Schreibt mir auch gerne Anekdoten oder Anmerkungen. Ihr erreicht mich auf Xing, Twitter, LinkedIn, oder per Mail.

3 Gedanken zu “5 Tipps für einen besseren Start im Bewerbungsgespräch – für Bewerber UND Recruiter.

  1. Lydia schreibt:

    Dein Anliegen ehrt Dich, aber beim Lesen dieses Artikels habe ich wie bei vielen Bewerbungstipps ein ungutes Gefühl. Ich werde dem mal auf den Grund gehen und dann dazu was schreiben. Habe schon so eine Vermutung… 😉 LG, Lydia

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