Halloween ist zwar gerde vorbei, aber dennoch ist es der Dauerbrenner auf Social Media: Egal ob auf Instagram, LinkedIn, Facebook, X… überall kann man von gruseligen Erfahrungen mit Recruiter*innen und Bewerbungsgesprächen lesen. Je nachdem, welche Seite man fragt – die Bewerbenden oder die Recruiter*innen – gehen die Schuldzuweisungen in die andere Richtung. Die Klassiker sind dabei eigentlich: keine Mühe gegeben, schlechtes Rückmeldeverhalten, Gehaltsthema verfehlt, Prozessgedöns, Unverschämtheiten…
Dabei ist es wirklich egal, um welches Job-Level es sich handelt. Egal ob Einsteiger*innen oder Geschäftsführer*innen gesucht werden. Egal ob über Inhouse-Recruiter*innen oder Headhunting-Agenturen gesucht wird. Das Elend lauert überall. Desinteresse, schlechte Systeme und Prozesse und offenbar doch nicht so einen krassen Druck, wenn es um die Personalbeschaffung geht: das sind für mich die Grundpfeiler des Übels. Fehler passieren immer – aber in der Masse?
Bevor ich jetzt aber vorschnell den Bewerber*innen das Zepter überreiche, damit die mal wieder ihres eigenen Glückes Schmied sind, dachte ich mir: Setzen wir mal bei meinem Hauptpublikum an – den Personaler*innen und Geschäftsführer*innen.
Deshalb gibt es nun hier die ultimativen Tipps, wie du deinen Bewerbungsprozess so richtig nach Vermasselungs-Standards aufsetzt…denn das scheint ein Ding in Deutschland zu sein!
Spoiler: Wenn du ehrliches Interesse an Stellenbesetzungen hast, solltest du das lieber vermeiden und ins Gegenteil verkehren.
1. Tipp: Schlechte Kommunikation: Sei unnahbar und mysteriös.
Halloween ist zwar schon vorbei, aber wir sind uns einig: Geist sein war immer schon cool! Was auf Tinder funktioniert, ist uns gerade recht! Also bitte: stell sicher, dass deine Kommunikation als Unternehmensvertreter*in möglichst sporadisch, vage und unpersönlich ist. Denn alles andere deutet nur auf ungesunden Attachement-Style hin!
Ein Klassiker der guten Laune: Lass die Kandidat*innen nach der Bewerbung wochenlang zappeln. Dabei ist es wichtig, die Kommunikation schriftlich ablaufen zu lassen. Jede Mail, die du sendest, sollte eine neue Verwirrung schaffen. Unnahbarkeit ist spannend und bringt dein Gegenüber dazu, dass es dich unbedingt kennenlernen möchte. Antworten? Kennst du denn nicht die 3-Tages-Regel?! Oder weißt du was: Am besten antwortest du niemals! Wenn du die Mail nicht öffnest, hast du sie nie gelesen! Was auf WhatsApp funktioniert, kann ja im Hiringprozess nicht schaden.
Schaffst du so garantiert eine entspannte und vertrauensvolle Basis? Absolut nicht – und dafür ganz herzlichen Glückwunsch!
2. Tipp: Automatisierung bis zum Anschlag: Zeig, dass du ein echter Bot bist!
Automatisierung ist super – und bitte übertreib es. Automatisierte Absagen, die keine Sekunde individuell angepasst werden? Yes! Vor allem generische Mails mit nichtssagenden Standardfloskeln kommen gut an! Du bist als Recruiter*in so individuell, dass dich die Individualisierung – mit Verlaub – mal kann!
Und vergiss nicht: Kandidat*innen, die merken, dass sie für dich eine bloße Nummer sind, fühlen sich direkt heimelig. Wer möchte schon am Anfang herausstechen? Hallo! Read the room! Eben. Du tust den Bewerber*innen ja quasi einen Gefallen. Bei dir werden alle gleich behandelt und dafür garantierst du mit deinen Systemen. Oder deiner Excel-Tabelle.
Besonders wichtig: Sorge auch dafür, dass dein Bewerbungssystem möglichst viele Doppel-Eingaben verlangt, alle Anhänge separat hochgeladen werden müssen und die KB-Zahl bei den Uploads so gewählt ist, dass es mindestens eine Stunde braucht, um die Unterlagen anzupassen und hochzuladen. Was Microsoft und Google können, kannst du schon lange! Es ist dein Prozess! Own it!
3. Tipp: Endlose Prozesse ohne Struktur – denn Kandidat*innen lieben Ungewissheit.
Niemand braucht Struktur und klare Prozesse, oder? Je mehr Chaos, desto besser! Die ganze Welt ist doch schließlich VUCA und in der Firma sieht es ja auch nicht anders aus! Du setzt einfach nur den Realitätscheck als erstes Auswahlinstrument ein!
Am besten ist es, wenn der Bewerbungsprozess aus mindestens fünf, besser acht Runden besteht. Den Lebenslauf? Natürlich immer wieder ausführlich erklären lassen. In jeder Runde.
Und immer dran denken: Über Geld spricht man nicht!
Achte darauf, dass jede*r Interviewer*in das fragt, was gerade tagesaktuell unter den Nägeln brennt. Oder dass alle immer wieder die selben Fragen stellen. Wiederholungen schaffen schließlich Vertrauen. Ein fester Zeitplan ist dabei überbewertet, denn es muss halt passen und manchmal hat man einfach einen bad hair day oder keine Lust. Das wär dann ja auch unfair den Kandidat*innen gegenüber, so zum Gespräch zu erscheinen.
Pro-Tipp: Baue ganz zu Anfang des Prozesses nicht-valide Persönlichkeitstests ein. Also ich wollte ja immer schon wissen, welche Hunderasse ich bin. Oder welche Farbe. So kann man sich auch gleich entspannt nach der Einstellung im Team vorstellen und alle wissen gleich, was Sache ist. Also: Sei der Terrier in deinem Metier und bau den Prozess so auf, dass du jedem gleich in die Wade beißen kannst!
4. Tipp: Ghosting – die Königsdisziplin der Enttäuschung.
Ghosting ist immer ein sicherer Weg, Kandidat*innen an der Angel zu behalten. Sag nach einem intensiven Gespräch, für das sich der oder die Kandidat*in einen halben Tag freigenommen hat, einfach mal gar nichts mehr. Viele hoffen, dass sie Feedback bekommen – aber du hast die Kontrolle. Du ownst den Prozess! Und du entscheidest, wer dein Feedback verdient hat!
Und was könnte Kandidat*innen schließlich mehr motivieren als ein*en Recruiter*in, der oder die nach Wochen noch immer kein Update hat? Eine Absage wäre immerhin respektvoll – also nichts für dich, denn du peilst Frustration an. Schließlich ist das auch der erste Test, ob der oder die Bewerbende wirklich so resilient ist, wie im Bewerbungsgespräch erwähnt. Außerdem war um 12 Mittagspause und danach hattest du keine Lust mehr und dann hast du es vergessen. Es passiert, wenn man so viel zu tun hat mit diesen ganzen unbesetzten Stellen!
Pro-Tipp: Schau dich ein bisschen bei Google-Bewertungen um. Dieser eine Restaurantbesitzer, der jeden Gast, der keine 5 Sterne gibt oder Kritik äußert, beleidigt? Das ist dein Spiritanimal! Setz es frei und hetze es auf euren Kununu-Account. Den ganzen Hatern zeigst du es jetzt richtig!
5. Tipp: Unrealistische Anforderungen – nur die Besten sind gut genug.
Die Zeit vergeht so schnell…dieser Blogbeitrag rast dahin. Besinnen wir uns einmal kurz. Wir gehen zurück an den Anfang. Ganz an den Anfang deiner Suche nach dem oder der perfekten Kandidat*in. Und mit PERFEKT meine ich PERFEKT!
Niemand möchte mit halbgarem Wissen zusammenarbeiten. Du hast deine Stellenanzeige mühsam aus 5 verschiedenen Vorlagen zusammengebaut, die du in einer 10minütigen GoogleSuche aufgetan hast. Schwamm drüber, dass in der ersten Version aus Versehen beim Copy-paste der Unternehmensname der Firma stehen geblieben ist, bei der du die Anzeige geklaut hast. Denn die Hauptsache ist: ALLE Kriterien MÜSSEN erfüllt sein. Ansonsten erfolgt auch erst gar keine Einladung.
Du gibst dich nicht zufrieden mit Kompromissen. Du suchst ja schließlich nach dem/der PERFEKTEN Kandidat*in! 15 Jahre Berufserfahrung, drei Sprachen, fünf Diplome und die perfekte Persönlichkeit (kein Terrier, du magst keinen Terrier neben dir) – say no more!
Grundsätzlich sollte auch allen Beteiligten klar sein, dass die Bezahlung am Anfang schlecht ist, aber es die Möglichkeit gibt, schnell zu wachsen (dass das nicht so unbedingt zutreffend ist, weißt natürlich nur du).
Deine unrealistischen Anforderungen halten die Bewerbendenzahlen niedrig und garantieren, dass du viele Absagen verschicken musst. Perfekt für die Statistik, keeps you busy und du tust dein Bestes!
Pro-Tipp: Schreibe nur in absoluten Nischenportalen aus, denn das verhindert, dass du eine breite Masse an Interessent*innen erreichst! Wenn du dich ganz crazy fühlst, mach doch einen Social-Media-Anzeigenmarathon und schicke die Leute über einen Link auf eine 404-Page. Wer nicht die Suche bemüht, ist des Arbeitsvertrages eh nicht wert! Echte Talente wissen das!
Fazit: So vergraulst du alle Kandidat*innen mit Stil
Als Recruiter*in hast du die Macht, den Bewerbungsprozess so zu gestalten wie du möchtest. Ein gern genommener Klassiker ist, einen wirklich ausgeklügelten Prozess mit sehr vielen Runden zu haben und dazwischen aber wirklich null responsiv zu sein. Am Besten einfach mittendrin ghosten. Besonders dann, wenn der oder die Kandidat*in schon richtig viel Zeit investiert hat. Ein Urlaubstag darf es schon sein!
Dein absoluter Vorteil wenn du meine Tipps beherzigst: Den Prozess so professionell voller Fallstricke und Enttäuschungen zu gestalten, kostet dich viel weniger Zeit als einen ordentlichen Prozess aufzusetzen wo am Ende nur was bei rumkommt, wenn alle an einem Strang ziehen und sich Gedanken machen. Ergo: Du hast so schneller Feierabend, weniger Leute müssen involviert sein und es ist sowieso nicht deine Schuld, wenn sich halt niemand Passendes bewirbt.
Du sprichst die Sprache des Business und das Business bist du! Viel Spaß beim Umsetzen…?

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